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Leseprobe

Walter Weil


Das letzte Mandat


1. Kapitel


Wahrscheinlich wäre die Katastrophe nicht über Richard Kantenberg hereingebrochen, wenn er sich nicht beruflich selbständig gemacht hätte. Ja, ja, wenn! Das sagt man hinterher. Aber damals ahnten weder er noch seine Frau Helga, daß dieser Entschluß die schlimmste Krise seines Lebens heraufbeschwören würde.

Dabei war er kein Träumer, kein Realitätsverweigerer, o nein. Aber jeder hat seine eigene, selbst gestrickte Realität. Seine Wirklichkeit war die eines erfolgreichen Chemikers. Er war ein gutaussehender Mann, mehr als mittelgroß, schlank, obwohl nicht sonderlich sportlich, las zwei Zeitungen, guckte Fernsehen und glaubte alles, was diese Medien so erzählten. Dergestalt mit den Auffassungen des Zeitgeistes versorgt, leitete er die Forschungs- und Entwicklungsabteilung einer großen Kosmetikfirma. Seine Aufgabe bestand darin, neue Toilettenartikel für Hotelketten zu entwickeln. Das waren diese netten Kleinigkeiten, wie Seifen, Dusch-Gels und Ähnliches, die der Gast in den Badezimmern guter Hotels vorfindet.

Natürlich bezog er ein überdurchschnittlich hohes Einkommen. Bei seinen Gehaltsforderungen hatte er nie geknausert. Er wußte, was er sich und seiner Umgebung schuldig war, ja, das wußte er! In der Firma hatte er erheblichen Einfluß; meistens vermochte er seine Vorstellungen durchzusetzen. Die Geschäftsleitung schätzte seine fundierten Kenntnisse als Naturwissenschaftler und seine langjährige Berufserfahrung. Das wiederum weckte seinen Hochmut, zuerst nur ein bißchen. Nun ist ja Hochmut meistens nur für den gefährlich, der die Krankheit hat. Irgendwann kommt der Patient an den Punkt, wo er sich damit lächerlich macht. Ab dann befindet er sich sozusagen in der Heilungsphase. Das ist die harmlose Form der Krankheit.

Bei Kantenberg war das anders. Bei ihm trat das Leiden nicht an die Oberfläche, sondern versteckte sich in seinen Gehirnwindungen. Oh, das ist die schlimme Form! Diktatoren sind davon befallen - oder Ehefrauen. Kantenberg war also rein äußerlich nichts anzumerken. Aber der Hochmut, also diese Krankheit, veranlaßte ihn zum Nachdenken. Nun ja, ein nachdenklicher Mensch ist auch nicht unbedingt schlecht, im Gegenteil. Aber es kommt doch darauf an, worüber nachgedacht wird! Ein Bankräuber, beispielsweise, denkt darüber nach, wie er am besten einen Tresor knackt. Ist das vielleicht etwas Gutes?

Nun, eines ist sicher, damit beschäftigte sich Kantenberg nicht. Vielmehr fing er an zu überlegen, welch große Geldsummen seine Firma mit den Präparaten verdiente, die aus seiner Arbeit stammten. Als er das einmal überschlägig berechnete, bekam er einen geistigen Schluckauf. Singultus nennen es die Mediziner in ihrer Geheimsprache. Aber das ist nicht so wichtig, denn bei Kantenberg hatte das Leiden nichts mit dem Zwerchfell zu tun. Nein, eher damit, daß er ein wenig cholerisch veranlagt war und infolge seines Hochmuts leicht in Zorn geriet. Jawohl, er geriet in Zorn, als er sich die Summen vor Augen hielt, die die Eigentümer der Firma aufgrund seiner Arbeit einstrichen. Das führte dazu, daß er immer häufiger daran dachte, selbst ein Unternehmen zu gründen und seine Produktideen für sich allein zu nutzen. Er war bald regelrecht trunken von der Idee, er hatte also einen typischen Singultus spirituosus, eine sehr seltene Krankheitsform. Im Pschyrembel ist sie nicht verzeichnet. Andere hätten gesagt, er wäre neidisch. Aber er sah das anders. Warum sollte er teilen - reich werden konnte er allein!

[Pschyrembel: Medizinisches Nachschlagewerk.]

Reich werden! Das wollte er versuchen! Eines schönen Tages setzte er diesen Gedanken in die Tat um. Er war inzwischen 43 Jahre alt und fühlte sich jung genug, um den Sprung in ein neues Leben zu wagen. Der Weg in den Reichtum begann damit, daß er ein Haus auf dem Land pachtete. Oho, es war kein kleines Haus, wirklich nicht. Ein Unternehmer mußte schließlich auch repräsentieren, nicht wahr? Aber gleich am Anfang? Wäre es in dieser Hinsicht nicht besser gewesen, weniger kostspielig reich werden zu wollen? Nun, Kantenberg war da anderer Ansicht. Es war ja auch wirklich herrlich: Das gepachtete stolze Haus lag am Rande der Vorbergzone des mittleren Schwarzwaldes, oben an einem Hang, nahe der Waldgrenze. Von der Nordwestseite aus überblickte man den vorderen Teil des malerischen Kinzigtales, aus dem der begradigte Fluß als silbrig glänzendes Band an dem Städtchen Gengenbach vorbei in die meist dunstige Ebene hinauszog. Herrliche Aussicht! Das Panorama, vom Liegestuhl aus betrachtet, ein Genuß - wenn man die häßlichen Windmühlen ignorierte, die da und dort den Ausblick verschandelten.

Das Haus war zweigeschossig, selbstredend. Mit einer eingeschossigen Hütte wäre dem Herrn Unternehmer ja nicht gedient gewesen. Schließlich wußte er, was er sich schuldig war! Im Erdgeschoß richtete er Labor- und Büroräume ein und bezog mit seiner hübschen Frau, sie war acht Jahre jünger als er, die großzügige Wohnung im oberen Stockwerk. Dann machten sich beide zuversichtlich, wenn auch mit einer sehr erheblichen Schuldenlast, an die Arbeit.

Hatte er denn schon einen Plan? O ja, den hatte er! Seine Geschäftsstrategie sah vor, kosmetische Produkte verkaufsfertig zu entwickeln und sie dann gegen Lizenzgebühren interessierten Firmen zur Vermarktung zu überlassen. Auf diese Weise, so der Plan, würde sich das Geschäftsfeld von vornherein auf die Erfindung und Gestaltung entsprechender Neuheiten beschränken. Auf keinen Fall wollte Kantenberg selbst in den Kosmetikmarkt einsteigen. Er war ja nicht dumm. Angesichts der Vielzahl angebotener Artikel erschien ihm das als kapitalschwachem Debütant sowieso zu riskant. Ja, ein gewisses, wenn auch nicht großes Quantum an Vorsicht war ihm schon zu eigen. Nicht sehr viel Vorsicht, aber immerhin. Es war eben eine leichtlebige Zeit. Andere machten es ja genauso. Ein auffälliges Merkmal dieser Zeit war, daß man beim Geld seit einigen Jahren nicht mehr von Millionen redete, sondern ganz besonders Politiker beschäftigten sich jetzt intensiv mit Milliarden. Was waren dagegen Millionen - Peanuts, wie die Amerikaner den gelehrigen Deutschen eingeredet hatten. Man brauchte kein Hellseher zu sein, um vorauszusehen, daß diese fabelhaften Politiker eines Tages sogar mit Billionen jonglieren würden. Die meisten dieser Geschicklichkeitskünstler wußten zu ihrem Glück nicht, wie viele Nullen so eine schöne, runde Billion hat. Ihr rudimentärer Gewissensrest hätte sie sonst womöglich beunruhigt und die vielen Nullen wären ihnen eines Tages auf den Kopf gepurzelt und hätten sie erschlagen. Denn sie wogen schwer! Es waren schließlich Schulden, die sie mit notorischer Gleichgültigkeit anhäuften. Rückzahlbar am Sankt Nimmerleinstag. Nein, niemand ließ sich die herrlichen Aussichten dieser Billionenzukunft von ein paar Erbsenzählern vermiesen! Auch Kantenberg nicht. Auch er merkte nicht, daß da eine Fata Morgana fürs Volk heranwuchs. Jawohl, alles wird immer besser, sagten die fabelhaften Politiker in tausend Mikrofone. Und da sollte Richard Kantenberg abseits stehen? O nein. Er beabsichtigte, sich auch ein paar dieser Nullen zu gönnen, mit etwas fettem Fleisch vorne dran, versteht sich.


Gemäß seinem Plan hatte er als Zielgruppe jene Kosmetikfirmen im Visier, die den Endverbraucher versorgten und deren Sortiment am Markt etabliert war. Sie wollte er für erfolgversprechende Neuheiten interessieren. Sie sollten ihm zu Reichtum verhelfen.

Helga, seine bessere Hälfte, die hübsche schwarzhaarige Helga mit den aufmerksamen grauen Augen, den leckeren Rundungen und den kessen Beinen, hatte sich von seinem Optimismus so weit anstecken lassen, daß sie ihre gut bezahlte Tätigkeit als Pressereferentin bei der Stadtverwaltung aufgab. Sie wollte sich fortan um die Büroorganisation und die damit in Kantenbergs Unternehmen anfallende Arbeit kümmern. Kinder waren keine da, das war nicht mehr üblich, sie störten beim Reichwerden. Und so sahen beide kein allzu großes Risiko in der doch bemerkenswerten Änderung ihres Berufslebens. Falls das Projekt scheiterte, würden sie aufgrund ihrer Qualifikation relativ schnell wieder einen entsprechenden Arbeitsplatz finden. Alles in Butter.

Mit dieser wirklich modernen Einstellung betraten sie gemeinsam die Wildbahn des freien Unternehmertums. Ein Hauch wahrer Freiheit umwehte sie. So mußten die Urmenschen gefühlt haben, dachten sie. Wirklich? Die kannten doch nichts anderes, die hatten nicht den zivilisatorischen Klotz am Bein. Keine Krankenkasse, kein Bankkonto, und die Keule war ihre Sozialversicherung. Aber Kinder hatten sie, jede Menge! Das war der Unterschied. Der Vater, der seine Kinder verteidigte, wußte wenigstens, wofür er vom Säbelzahntiger gefressen wurde!

Ja, ja, die Freiheit hat ihren Preis, heißt es. Auch Kantenberg bekam dies zu spüren, denn schon bald wurde der Weg zum Reichtum recht steinig. Er mußte feststellen, daß es ein gewaltiger Unterschied ist, ob man im Rahmen der Möglichkeiten einer längst eingeführten Firma operiert, oder ob man Klinken putzen muß, um überhaupt beachtet zu werden. Zwar gelang es ihm häufig, erste Aufmerksamkeit zu wecken, weil Helga packende Werbebriefe zu schreiben verstand. O ja, das konnte das hübsche Weib! Sie war es, die dem Herrn Unternehmer immer wieder neue Zugänge zu Firmen ihrer Zielgruppe eröffnete. Sie war der Motor, und er durfte lenken.

Trotzdem mußten beide erkennen, daß es nicht damit getan war, gute Ideen zu haben und erstklassige Produkte vorzuzeigen. Eine bedrückende Erkenntnis! Als fast unüberwindlich stellte sich die verdammte Risikoscheu der meisten potentiellen Geschäftspartner heraus. Sie schienen überzeugt, daß es besser sei, auf Neuheiten zu verzichten und lieber mit den bewährten Produkten weiterzuwursteln. Angsthasen! Ach, es nutzte Kantenberg wenig, dezent auf seinen Erfahrungsschatz als Chef der Entwicklungsabteilung seines früheren Arbeitgebers hinzuweisen. Dieses Argument, das er für zündend gehalten hatte, verpuffte wie eine feuchte Platzpatrone.

Zu speziell“, bekam er zu hören.

Zu speziell? Ja, nun, um den langweiligen Einheitsbrei auf dem Markt zu vergrößern, war er ja nicht auf der Welt. Neues braucht der Mensch, die alten Sachen beleben niemand! Ach, die Leute hatten ja keine Ahnung! Er war ein Titan, der unter die Zwerge geraten war.

Am deprimierendsten empfand er die Reaktion bei jenen Unternehmen, die über eine eigene Entwicklungsabteilung verfügten. Dort landeten regelmäßig seine Angebote, wie Fische im Netz. Die Kontaktaufnahme verlief dabei immer nach demselben Schema: Auf seine Werbung hin kam der feuchtfröhliche Brief eines dieser Fischer, in dem er eingeladen wurde, seine Präparate vorzustellen. Also, nichts wie hin! Bei dem darauf folgenden Besuch wurde er etwas distanzierter empfangen. So, wie man Vertreter eben empfängt. Nach Unterzeichnung einer Geheimhaltungsvereinbarung begann die Schau: Kantenberg stellte seine Produktmuster vor, die anwesenden Fachkräfte der Firma hatten eine gleichmütige Maske aufgesetzt, hinter der die Neugier brodelte, und wenn er dabei war, die eine oder andere Formel zu enthüllen, dann erwachten ihre Masken plötzlich zum Leben.

Ihre Augen hingen wie Kletten an seinem Mund, ihre Ohren wurden lang und länger, und wenn man genau hinhörte, konnte man das leise Rattern ihrer Denkmaschine vernehmen, wenn sie versuchten, die Formel zu speichern. Zugegeben, das ist eine sehr alte Methode. Aber sie funktioniert. Und man ist mobil, man braucht keinen Laptop mit sich herumzuschleppen! Das Hirn hat man ja immer dabei, die meisten wenigstens. Aber furchtbar aufpassen mußten die Leute, wenn sie in einem solchen Augenblick etwas Gescheites erfahren und auch behalten wollten. Kantenberg hatte nämlich die Gewohnheit, solche Formeln nur undeutlich zu murmeln, so, als hätte er plötzlich eine Zahnfleischentzündung, die ihn daran hinderte, deutlich zu werden.

Oh, er war auch mit mancherlei Wässerchen gewaschen, dieser Kantenberg, denn schließlich hatte er bei seinem früheren Arbeitgeber auch solche Murmler empfangen. Er war sich des eigentlichen Problems bei solchen Präsentationen sehr wohl bewußt. Es war eine Tatsache, daß Mitarbeiter von Entwicklungsabteilungen in einem Außenstehenden wie ihm in erster Linie einen Feind sahen, der im schlimmsten Fall ihre Stellung gefährden konnte. Aber war eine solche Haltung nicht verständlich? Es war das Revierverhalten, in der freien Wildbahn gang und gäbe. Wer würde wohl seinen Chef mit der Nase draufstoßen, daß ein fremder Einzelkämpfer wie ein einsamer Wolf im Revier aufgetaucht sei, der mehr konnte als man selbst. Am Ende würde der Wolf gar noch die ganze Entwicklungsabteilung fressen! Sie kostete nach des Chefs Meinung sowieso zuviel Geld - gemessen an den Ergebnissen, die sie lieferte. Oh, diese Leute standen auch unter Druck.

Das aber hatte Kantenberg anfangs nicht in sein Kalkül einbezogen. Im Endeffekt liefen die Besuche bei solchen Firmen darauf hinaus, ihm seine oft außergewöhnlich interessante Zusammensetzung spezieller Kosmetikpräparate zu entlocken. Kein Mensch konnte ihnen später nachweisen, daß man die Idee und Teile der ursprünglichen Formel abgekupfert und so verändert hatte, daß der Ursprung der daraus entstandenen Cremes, Seifen oder Essenzen nicht mehr erkennbar war. Und einem hintergangenen Klinkenputzer wie ihm sandte man nach einiger Zeit einen scheinheiligen Brief, in dem man bedauerte, daß die vorgestellten Produkte leider nicht in das vorhandene Sortiment paßten.

Bei seriösen Unternehmen kam er auch nicht recht zum Zuge. Man sah in ihm den auf schwachen Füßen stehenden Kleinunternehmer, der weder personell noch technisch auf jene umfangreichen Quellen zurückgreifen konnte, die einem Großbetrieb zur Verfügung standen.

Diese Meinung ärgerte ihn besonders. Hatte er nicht lange genug in der Branche gearbeitet, um zu wissen, daß ein fetter Entwicklungsetat, großzügig ausgestattete Laboratorien und ein aufgeblähter Stab wissenschaftlicher Mitarbeiter absolut keine Garantie für eine erfolgreiche Produktentwicklung waren? Wo wurde eigentlich mehr Geld sinnlos verpulvert, als auf diesem Gebiet? Nirgends! Man brauchte sich doch nur die Kosmetik-Auslagen anzusehen - ein Produkt glich dem anderen. Er wußte wohl, zu welchen Albernheiten sich die Werbung bei dem Versuch inzwischen versteigen mußte, um dieses oder jenes Präparat wenigstens vorübergehend aus dem amorphen Produktbrei herauszuheben.

Ach ja, zündende Ideen werden selten in der Masse geboren. Aber in seinem Fall saß die wissenschaftliche Masse am längeren Hebel.

Was nützen mir solche Erkenntnisse? fragte er sich eines Tages, nachdem er sich ungefähr ein Jahr lang mehr schlecht als recht abgestrampelt hatte.

Er mußte sich etwas einfallen lassen!

Und so begann er darüber nachzudenken, ob es wohl sinnvoll wäre, seinen Firmennamen durch einen Doktortitel aufzuwerten. Es hörte sich auf jeden Fall gut an: „Dr. Kantenberg GmbH.“ So ein Doktortitel, spekulierte er, würde seinen Angeboten die notwendige wissenschaftliche Fassade verleihen...

Das war zwar in Wirklichkeit alles lächerlich. Er wußte auch, warum: Vieles, was man heutzutage mit dem Mäntelchen der „Wissenschaftlichkeit“ zudeckte, war im Prinzip Etikettenschwindel. Produkte, für die dieser Anspruch erhoben wurde, waren selten besser, als jene, die nicht durch die Aussagen von Gefälligkeitsgutachten oder durch Marketingsprüche aufpoliert wurden.

Aber offensichtlich wollten die Verbraucher belogen sein. Sie ahnten nicht, daß zum Beispiel der Hinweis „klinisch getestet“ in erster Linie ihre mitunter berechtigten Bedenken zerstreuen sollte, ein bestimmtes Kosmetikum könnte eine Allergie erzeugen. Und als Verkaufsargument förderte dieser kleine Hinweis den Umsatz. So ein Produkt war ja von Wissenschaftlern untersucht worden - also mußte es ein gutes Produkt sein!

Ach ja, der Wissenschaftswahn hatte die Menschen nun einmal befallen. Sollte Kantenberg dem nicht Rechnung tragen? Jawohl, das sollte er. Von der guten Luft in freier Wildbahn konnte auch ein Wolf nicht leben.

Mit solchen Gedanken beschäftigt, lehnte er an einem Sonntag morgen im Vorfrühling an der Balkonbrüstung, die den südlichen und westlichen Teil des Hauses umgab, und sann über seine geschäftliche Zukunft nach. Es war seit ein paar Tagen ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit. Aus dem Tal herauf drang das gleichförmige Rauschen des Autoverkehrs. Die Freizeitgesellschaft befand sich auf dem Weg in den Schwarzwald oder fuhr in umgekehrter Richtung hinaus in die im Dunst verschwimmende Rheinebene. Von den Höhen grüßten die häßlichen Windmühlen. Die Propeller standen still. Kein Wunder, es ging ja kein Wind.

Als der sinnierende Kantenberg ein Geräusch hinter sich hörte, wandte er sich um. Helga, in dunkelblauen Freizeitshorts und weißer Bluse ein erotisches Märchen, trat lächelnd neben ihn. „Es ist angenehm in der Sonne, nicht wahr?“

Ja, angenehm“, erwiderte er zerstreut. „Aber das bleibt wohl nicht so um diese Jahreszeit.“

Er bemerkte, wie Helga den Kopf schüttelte. Sie hakte sich bei ihm unter und sah ihn an. Ihre blanken grauen Augen blitzten belustigt. „Du bist heute aber ein Schwarzseher!“ rief sie mit gespielter Entrüstung. „Da lacht die Frühlingssonne vom blauen Himmel, und du siehst Wolken!“

Sie schmiegte sich an ihn, so daß er ihren warmen Körper spürte, und fügte leise hinzu: „Mir kommen Wetter und Landschaft heute vor, als läge unser Ort irgendwo in Italien. Wir sollten das genießen - unser Klein-Italien. Findest du nicht?“

Anstelle einer Antwort grinste er töricht. Warum war er heute so hölzern? Ach, das schien bloß so. Er hatte jetzt nur ein Thema im Kopf: „Was hältst du davon, wenn ich den Doktor mache?“

Helga ließ ihn los und trat einen Schritt zurück. Er sah die Verblüffung auf ihrem Gesicht. „Du? Warum denn das?“

Bedächtig fuhr er sich durchs Haar. Das war eine reine Vorsichtsmaßnahme. Das verschaffte ihm die Zeit für eine, wie er meinte, überzeugende Antwort. „Ein Doktortitel, mußt du wissen, öffnet dir im Geschäftsleben Türen zu wichtigen Leuten. Unsere Branche macht da keine Ausnahme.“

So, meinst du?“ sagte Helga skeptisch. „Aber an deinem letzten Arbeitsplatz bist du ganz gut ohne Doktortitel ausgekommen.“

Das mag sein. Aber in der Firma wußte man um meine Fähigkeiten, die ich durch die Entwicklung erfolgreicher Produkte immer wieder unter Beweis stellte. Heute ist das anders. Ich muß jetzt Formeln an Firmen verkaufen, die weder mich noch die von mir erfundenen Cremes oder Lotions kennen. Die gehen kein Risiko ein, nur weil ein Unbekannter ihnen erzählt, wie gut seine Sachen sind.“

Er schwieg einen Moment und setzte dann hinzu: „Ein Doktortitel würde vieles leichter für mich machen. Er würde solche Vorurteile gar nicht erst aufkommen lassen.“

Helga schüttelte den Kopf. „Wie denkst du dir das - auf der einen Seite das Geschäft, das dich voll in Anspruch nimmt, wenn du es zu etwas bringen willst, auf der anderen die Belastung mit einer Promotion, und noch dazu in deinem Alter!“

Na, hör mal!“ knurrte er verdrießlich. „So alt bin ich nun auch wieder nicht.“ Er starrte sie empört an. Sie mußte lachen und rief: „Entschuldige, so habe ich das nicht gemeint!“

Er bemühte sich, versöhnlich zu lächeln. Es ging ihm schließlich darum, sie zu überzeugen.

Ich denke, ich weiß, wie ich es mache“, sagte er forsch. „Für mich kommt nur eine externe Promotion infrage.“

Helga sah ihn mißtrauisch an. „Wie stellst du dir das vor?“

Bei einer externen Promotion besteht in der Regel keine Präsenzpflicht“, erläuterte er. „Man muß also nicht jahrelang an einer Universität herumrutschen. Du läßt dir ein theoretisches Thema geben und schreibst darüber eine Dissertation. Anschließend bereitest du dich auf die mündliche Prüfung vor. Das ist alles.“

So, so“, sagte Helga zweifelnd. „Und du glaubst, daß du dafür einen Professor gewinnen kannst?“

Er sah seine Frau unsicher von der Seite an. Gleichzeitig wurde ihm bewußt, wie sehr ihn in diesem Moment das monotone, vom Westwind nach oben getragene Rauschen des Autoverkehrs störte.

Ich bin schließlich kein blutiger Anfänger“, sagte er gereizt. „Seit bald zwanzig Jahren arbeite ich auf dem Gebiet, das ich für das Dissertationsthema vorschlagen werde. Hierbei denke ich insbesondere an meine Untersuchungen zur Kollagenforschung. Ich habe ja schon alles, was ich brauche, ich muß es lediglich noch in systematischer Form zu Papier bringen. Eine reine Schreibarbeit.“

Aber zuerst mußt du einen Doktorvater finden, der damit einverstanden ist“, sagte Helga trocken. Oh, sie war nicht leicht zu überzeugen. Sie stand mit beiden Beinen auf der Erde! Und was für Beine! Atemberaubend. Aber der Holzkopf vor ihr verschwendete für diese Augenweide jetzt keinen Blick.

Das weiß ich auch. Aber warum sollte es nicht möglich sein? Es kostet ja nichts, wenn ich deswegen mit einigen Universitäten Kontakt aufnehme, nicht wahr?“

Helga schien immer noch skeptisch.

Gesetzt den Fall, du kannst dieses Vorhaben verwirklichen - wie stellst du dir die Arbeit im Geschäft vor? Soll das dann auf Sparflamme laufen?“

Das war wieder so eine Frage, die wie ein Skalpell in das Fleisch der guten Hoffnung schnitt. Er bemühte sich, sie nicht merken zu lassen, daß ihm die Frage unangenehm war. So verzog er nur die Mundwinkel, drehte sich um und starrte auf das hellgraue Band der Straße hinunter. Er sah die Autos, die sich von oben wie Spielzeuge ausnahmen, in beiden Richtungen dahinkriechen. Er würde auch bald kriechen, wenn nicht endlich der Durchbruch kam!

Natürlich muß ich etwas zurückstecken“, sagte er über die Schulter. „Aber das heißt keineswegs, daß ich die Geschäfte vernachlässigen werde. Außerdem“, er wandte sich wieder Helga zu, „laufen ja zur Zeit Verhandlungen mit Bornheimer & Kastler in Hamburg und der Londoner Cunningham Ltd. Du weißt, daß wir bei diesen beiden Firmen ganz dicht dran sind, einige unserer Produkte unterzubringen.“

Er trat auf Helga zu und zog sie an sich. „Das wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit klappen“, sagte er beschwörend. „Wir sind dann für einen größeren Zeitraum alle finanziellen Sorgen los. Und wenn ich erst den Doktortitel in der Tasche habe, dann kommen wir auch ans große Geld!“

Helga machte sich etwas brüsk los, was zeigte, daß sie von Beschwörungsformeln nicht viel hielt.

Hoffentlich stellst du dir das nicht zu einfach vor“, sagte sie schroff. "Ich habe meinen gutdotierten Job aufgegeben, damit wir zusammen etwas aufbauen. Und nun willst du plötzlich anfangen herumzuexperimentieren."

Himmel noch mal! Er erkannte, daß er sie nicht überzeugt hatte. Betroffen sah er ihr nach, während sie mit dem wiegenden Gang ihrer wohlgeformten Beine ins Haus zurückging. Ein Hauch von Erotik, ohne Zweifel, aber, Herrschaftszeiten, was für ein störrisches Frauenzimmer!

Schon bald sollte sich zeigen, daß Helgas Skepsis berechtigt war. Die Hoffnungen, einen Doktorvater für seine Pläne zu gewinnen, hatten nach einer Reihe von Monaten einen gehörigen Dämpfer erlitten. Obwohl seine Anfragen zunächst immer ein positives Echo auslösten und auch das von ihm vorgeschlagene Thema bei den Gelehrten auf Interesse stieß, scheiterten die Kontakte letztlich überall an dem Umstand, daß er extern promovieren wollte.

Was ihm vorschwebte, fand trotz intensiver Bemühungen bei keiner Universität Gehör. Niemand war bereit, ihn im Rahmen der gewünschten Sonderregelung als Doktorand anzunehmen. Ja, das war wirklich Pech, er war eben ein paar Jahre zu spät gekommen. Es gab zuvor tatsächlich einen Zeitraum, wo die Universitäten aus Geldmangel mit sich reden ließen. Aber jetzt, im Zeitalter der Milliarden, hatten sie das nicht mehr nötig.

Kantenberg war gegen eine Wand gelaufen. Was waren das alles doch für Ignoranten! Er hätte den Nobelpreis für seine Untersuchungen bekommen können! Merkten das diese Schwachköpfe nicht? Herrschaftszeiten! Oh, Kantenberg haderte - mit sich, mit der Welt, vielleicht auch mit Gott. Wer weiß schon, was in einem Menschen vorgeht, besonders, wenn er mit dem Kopf durch die Wand will. Nun, Kantenberg hatte keinen Eisenschädel, und so ließ er das mit der Wand lieber bleiben. Aber was tat er dann, um seinen Doktorplan voranzubringen? Er verordnete sich eine Denkpause. O ja, Helga hatte ihn auf den Erdboden zurückgeholt, er wäre sonst mit seinem imaginären Nobelpreis in die Stratosphäre entschwunden.

Darüber verstrichen nahezu zwei Jahre. Allmählich akzeptierte er den Gedanken, die Idee mit der Promotion aufzugeben. Zeit dafür hätte er allerdings genug gehabt, denn die Geschäfte gingen schleppend. Der geplante Abschluß mit der englischen Firma war nicht zustande gekommen, und das Hamburger Unternehmen Bornheimer & Kastler hatte statt einer Serie von vier Spezialcremes nur ein einziges Präparat probeweise übernommen. Die Lizenzgebühren dafür deckten kaum die Unkosten.

An einem Wochenende ausgangs des Winters saß er im Untergeschoß in seinem Büro und blätterte gelangweilt in der Freitagausgabe der Frankfurter Allgemeinen. Beim Überfliegen einer Anzeigenseite stieß er auf eine kleine Annonce, die seine Aufmerksamkeit weckte. Er begann den Text aufmerksam zu lesen. Oho, was war denn das? Herrschaftszeiten! Gab es das wirklich:

Promotionsberatung

Promoviertes Expertenteam hilft bei der Erlangung von Doktorgraden. Einführende Beratung kostenlos. Anfragen an: Dr. Jens Paulsen, Postfach 15347, Hamburg.“

Er las den Text mehrmals, gerade so, als wollte er ihn auswendig lernen. Mit jedem Mal beeindruckte ihn der Inhalt mehr. Ha, war das etwa die Lösung? Von Promotionsberatern hatte er noch nie gehört! Und wie seriös das klang! In seinem Hirn kreiste ein Karussell - Beratung, Promotion, Dr.-Titel. Himmel noch mal, das war vielleicht eine Chance, den halbtoten Doktorplan neu zu beleben!

Im Gehirn der Menschen ist eine Alarmglocke installiert. Die Menschen brauchen das, sonst stolpern sie von einer Dummheit zur nächsten. Auch Kantenberg besaß so ein süßes Glöckchen. Aber daß es gerade jetzt bimmelte, passte ihm überhaupt nicht. Oh, man brauchte ihn nicht daran zu erinnern, daß es so etwas wie illegalen Titelhandel gab; exotische Akademikergrade, die man unter der Hand kaufen konnte. Das war ja nichts Neues.

Was, zum Teufel, hatte das mit dieser Anzeige zu tun? Nichts! Gar nichts. Es handelte sich um Beratung, mehr nicht. Banker, nur so als Beispiel, beraten auch. Sind die etwa auch unseriös? Zum Glück vertiefte Kantenberg diesen Gedanken nicht weiter, sondern blieb beim Thema. Würde sich ein so vertrauenswürdiges Blatt wie die FAZ wohl dazu hergeben, als Plattform für zwielichtige Geschäfte zu dienen? Nein, und nochmals nein.

Ja, ja, während die Not manche Menschen erfinderisch macht, machte sie Kantenberg naiv. Schließlich sprang er auf, schnappte die Zeitung und eilte hinauf in die Wohnung. Er fand Helga in der Küche bei den Vorbereitungen für das Mittagessen.

Du, hör dir das mal an“, sagte er etwas nervös, als er merkte, wie Helga ihn verwundert musterte. Er las ihr den Anzeigentext vor.

Was hältst du davon?“ fragte er anschließend und blickte sie erwartungsvoll an.

Er sah voll Unbehagen, wie Helga die rechte Augenbraue hochzog. Ach, es war eine so schön geschwungene, nicht zu dicht behaarte und doch volle und ausreichend langgezogene Augenbraue. Aber in diesem Augenblick war sie für ihn wie ein rotes Tuch. Erst jetzt bemerkte er, daß Helgas hübsches Gesicht gerötet war von der Arbeit am Herd. Als nächstes registrierte er den Bratenduft, der ihm in die Nase stieg. Sie hat wieder mal den Abzug nicht eingeschaltet, sagte sein Unterbewußtsein.

Also wenn du mich fragst“, antwortete sie endlich und für seinen Geschmack etwas zu spitz, „das riecht nach Titelhandel. Findest du nicht?“

In diesem Augenblick war ihm ihre selbst in der Küchenschürze unübersehbare erotische Ausstrahlung ziemlich egal. Er ärgerte sich über ihren Kommentar. „Man kann sich die kostenlose Beratung ja einmal anhören“, sagte er aufsässig. „Für mich klingt die Sache jedenfalls bis jetzt glaubwürdig.“


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