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Leseprobe

Walter Weil


Die Klinge des Löwen

Band 3:


Der Slawensturm


Auch Dietrich hatte keine Kentnis von den Vorgängen draußen im Lande. Er trug jetzt die volle Verantwortung für die Ortenburg und deren Bewohner, und es gab in diesen Tagen vieles mit Anselm Hutter, dem Kämmerer, und mit der Burgherrin Ida zu besprechen. Alles war in dem regenlosen Sommer zusammengekommen, und um die Finanzen war es schlecht bestellt, denn die Ernte war mehr als dürftig ausgefallen. Manche Getreidefelder bestanden nur aus ährenlosen Halmen. Was an Korn trotz Wassermangel gereift war, hatten die Slawenhorden bei ihren Raubzügen teilweise niedergetrampelt. Vieh mußte notgeschlachtet werden, weil das Futter nicht ausreichte.

Aus dem unter der Burg liegenden Ort Dattenwiller kamen täglich Notrufe der Bewohner. Während sie es in der Vergangenheit als Hörige der Burg leicht hatten, weil Graf Max sie nur mäßig zu Diensten heranzog und sie ein zwar bescheidenes, aber doch sicheres Leben führen konnten, tauchten jetzt täglich Frauen samt ihrem Nachwuchs vor dem Burgtor auf und begehrten Anselm Hutter zu sehen. Trat dann der Kämmerer vor das Tor, konnte es geschehen, daß sich Kinderhände an seinen Rock klammerten und blasse, hohlwangige Gesichter ihn aus übergroßen umschatteten Augen anstarrten, während ihre Mütter ihn um Nahrungsmittel anflehten.

"Was soll ich machen?" sagte er an einem sonnigen Oktobermorgen betrübt, als er mit Ida und Dietrich in der Kemenate der Witwe wegen einer Bestandsaufnahme zusammensaß. "Es bricht mir fast das Herz, wenn die hungrigen armen Würmer um ein Stück trockenes Brot betteln."

Die Gräfin trug ein türkisfarbenes Gewand mit einem auffällig tiefen Dekolleté. Sie saß, den beiden Männern gegenüber, auf einem schwarz angemalten Armstuhl. An der Wand hinter ihrem Rücken hing ein großer Teppich mit einer Jagdszene, deren in dunklem Grün gehaltener Hintergrund Ida zu einem Teil der Abbildung zu machen schien. Von diesem Effekt ahnte sie wohl nichts, denn sie betrachtete stirnrunzelnd ihren Kämmerer. "Anselm, du mußt auch an den Winter denken. Wir können nicht alle und jeden versorgen, wenn kein Nachschub kommt."

Als Dietrich sie so betrachtete, während sie sich mit dem Kämmerer auseinandersetzte, wurde ihm plötzlich bewußt, daß er Ida mit seiner Gemahlin Adelheid verglich. An deren Gesicht jedoch, die er seit der Hochzeit kaum dreimal gesehen hatte, erinnerte er sich seltsamerweise nur undeutlich, so sehr er sich auch anstrengte. In der Rückschau hatte er das nebelhafte Bild einer mageren, blassen Person vor sich. Die Witwe des verstorbenen Burgherrn dagegen erschien ihm noch anziehender, als sie es bereits zu Lebzeiten des Gemahls war. Ihr ebenmäßiges, makelloses Antlitz, mit dem fast unmerklichen Braunton ihres Teints und den dunklen Braunaugen, mußten den Blick eines jeden Mannes auf sich ziehen. Während sie Anselm zugewandt war, hatte Dietrich Muße, ihre schlanke Gestalt zu betrachten. Sie war etwas voller geworden, was ihr gut stand. Und ihre straffen Brüste, von dem Halsausschnitt ansatzweise freigegeben, wölbten sich unter der schimmernden Seide ihres Kleides allzu deutlich, als daß er sie hätte übersehen können.

Er spürte, wie die alte Begehrlichkeit wieder in ihm aufsprang, gleich einer Flamme, die ein Windstoß neu entfacht, wenn er in die Glut eines zusammengesunkenen Holzfeuers fährt. Sie trug das blauschwarz schimmernde Haar offen wie eine Jungfrau, keine Haube bedeckte es, und kein Schleier verbarg ihre leicht geringelten, kunstvoll gelegten Locken und den weißen Nacken. So zeigte sie sich zwar nicht in der Öffentlichkeit, zumal sie in der Trauerzeit nicht ins Gerede kommen wollte. Aber vor den beiden Männern erlegte sie sich derlei Hemmungen nicht auf. Sie wußte, daß Anselm Hutter ein vertrockneter alter Knabe war, der nur Augen für seine Zahlen hatte, mit denen er sich den lieben langen Tag in seinem dämmrigen Kämmerlein beschäftigte. Ihn brauchte sie nicht zu fürchten; anders war es mit Dietrich. Für ihn hatte sie die Fäden ihrer Reize absichtlich neu geknüpft, denn ihn wollte sie schon umgarnen. Dazu nutzte sie jetzt, im Bewußtsein der unverhofft gewonnenen Freiheit, jede sich bietende Gelegenheit. Es war ihr zwar klar, daß sie während des Trauerjahres vorsichtig sein mußte, denn allzu leicht konnte eine frisch zur Witwe gewordene Frau in Verruf geraten. Aber großes Kopfzerbrechen bereitete ihr dieser Umstand nicht. Schließlich gab es die Verschwiegenheit ihrer Kemenate - und was die Leute nicht sahen und nicht hörten, darüber konnten sie sich nicht das Maul zerreißen. Diesmal, so hatte sie sich vorgenommen, würde sie Dietrich dazu bringen, ihr völlig zu verfallen...

Von solchen Verführungsplänen, wie sie im gelockten Kopf Idas spukten, ahnte der junge Ritter allerdings nichts. Er tappte seit dem Gerichtsprozeß hinsichtlich ihrer Beziehung sowieso im dunkeln, denn danach hatte er sie nur noch selten zu Gesicht bekommen, und eine Gelegenheit, mit ihr allein zu sprechen, hatte sich nicht ergeben. So fragte er sich mitunter, ob er mit seinen Annäherungsversuchen wieder ganz von vorne beginnen müsse. Er beschloß im stillen, in passenden Augenblicken zunächst die vorhandenen Anknüpfungspunkte zu erneuern. Dann würde man weitersehen!

"Wie ist es, Dietrich - brauchen wir noch mehr Leute zur Sicherung der Burg?"

Der junge Ritter schrak zusammen. Ida hatte die Frage an ihn gerichtet und sah ihn mit ihren dunklen Augen forschend an. Er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln und seinen verliebten Sinn wieder auf die harte Gegenwart zu richten.

"Äh...nein. Wozu auch?"

"Wozu?" wiederholte Ida seine Frage in gedehntem Ton. "Ja, glaubt Ihr denn nicht, daß die Slawen auch hier herauf kommen?"

Endlich hatte er sich gefangen. "Laßt sie kommen. An unserer Feste beißen sie sich die Zähne aus."


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